Donnerstag , 27 Juni 2019

Sinnvoll im eigenen Stadtteil aktiv: Senioren und Ältere als „Nachtwanderer“ für Jugendliche

Ulla UllandUlla Ulland ist die 1. Vorsitzende des Nachtwanderer-Huchting e.V., einem Verein im Bremer Stadtteil Huchting. Die Nachtwanderer-Huchting sind Erwachsene, die an den Wochenenden nachts auf den Straßen in ihrem Stadtteil unterwegs sind. Sie sind Ansprechpartner für Jugendliche und junge Erwachsene und bieten ihre Unterstützung an, indem die Erwachsenen die jungen Menschen zur Disco, zu Freunden oder nach Hause begleiten. Wir lernten Frau Ulland auf der INVITA Seniorenmesse Bremen im September vergangenen Jahres kennen und freuen uns sehr, unseren Lesern dieses ausführliche Interview anbieten zu können. Weitere Informationen zu Ullands Arbeit unter www.nachtwanderer-huchting.de

1. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, mit ehrenamtlichen Nachtwanderern etwas für Ihren Stadtteil zu tun?
Ursprünglich kommt das Projekt „Nachtwanderer“ aus den skandinavischen Ländern. Im Jahre 2004 wurde dieses Projekt in Bremen-Nord von dem Schweden Lasse Berger ins Leben gerufen.
Im Oktober 2005 gründeten wir dann in unserem Stadtteil Bremen-Huchting eine Initiativgruppe „Nachtwanderer-Huchting“. Zu diesem Zeitpunkt brannten im Stadtteil einige Müllcontainer, Autos usw. (siehe Paris im Oktober 2005). Die Initiativgruppe bestand aus mehreren Institutionen wie Beiratsmitglieder, Bremer Straßenbahn, Polizei und AWO Bremen. Gemeinsam mit einem Kollegen der AWO trieben wir das Projekt im Stadtteil an und konnte Spenden von lokalen Unternehmen einsammeln.
Im Mai 2006 unternahmen wir dann die erste Nachtwanderung mit ca. 20 Teilnehmern in ziviler Kleidung, um ein Gefühl dafür zu bekommen. Von den Spendengeldern wurden dann Outdor-Jacken und Westen sowie Flyer usw. angeschafft.Weiterhin wurden Nachtwanderer-Regeln und ein Selbstverständnis erstellt, die für die einzelnen Gruppen sehr wichtig und bindend sind. Anfang Juni 2006 fanden die ersten Schulungsmaßnahmen wie Deeskalationstraining und 1. Hilfekurse statt. Und 17. Juni 2006 war es dann endlich soweit, die „Nachtwanderer-Huchting“ starteten mit ihren ersten Nachtwanderungen. Seit diesem Tag wandern bis heute regelmäßig 25-30 Nachtwanderer durch den Stadtteil Huchting.

2. Wie sieht eine Nachtwanderung dann konkret aus, und wie oft sind Sie unterwegs?
Dank einer Jahresplanung kann sich jeder Nachtwanderer eintragen, wann er Zeit und Lust hat zu wandern. Wir sind jedes Wochenende unterwegs, eine Woche am Freitag, die andere Woche samstags. Die Gruppenstärke pro Nachtwanderung beläuft sich auf mindestens 3 Personen, höchstens 6 Personen. Die Gruppe trifft sich gegen 20.30 Uhr in unseren Räumlichkeiten und bespricht die aktuelle Wanderroute. Die Route durch den Stadtteil wird von der Gruppe selbst festgelegt. Es werden die öffentlichen Plätze wie Spielplätze, Supermärkte, Grünflächen usw. besucht.
Zwischen 23.30 und 0.00 Uhr fährt die Gruppe mit der Nachtlinie der Bremer Straßenbahn Richtung Hauptbahnhof. Hier werden die Jugendlichen, die nach wieder zurück in ihren Stadtteil Huchting fahren, von der Nachtwanderergruppe begleitet. Da wir sehr viel mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren (Bus und Bahn) konnte ich erreichen, dass wir bei unseren Nachtwanderungen kostenlos die Verkehrsmittel nutzen können. Die Verkehrsbetriebe haben uns auch signalisiert, dass ein deutlicher Rückgang des Vandalismus in den Fahrzeugen zu verzeichnen ist.
Erwachsene Anwohner aus dem Stadtteil sprechen uns oftmals an und vermitteln uns, dass sie unser Projekt sehr begrüßen. Die Nachtwanderungen enden in der Regel zwischen 02.00 – 03.00 Uhr, je nach Bedarf.

3. Wie gehen Sie mit Konflikten zwischen den Jugendlichen um, greifen Sie da ein?
Die Hauptaufgabe der Nachtwanderer besteht darin, unterwegs als Ansprechpartner für die Jugendlichen präsent zu sein. Auf diesem Wege vermitteln wir den Jugendlichen zum einen Sicherheit, zum anderen bieten wir bei Auseinandersetzungen unter den Jugendlichen Unterstützung und Hilfestellung. Oftmals hilft unsere Anwesenheit bereits im Vorfeld konfliktvermeidend einzuwirken. Den Jugendlichen geben wir durch unseren Kontakt das Gefühl, nicht allein gelassen zu sein. Sie erkennen uns als Partner an, die sich um sie kümmern und denen sie nicht gleichgültig sind. Dieses Ergebnis erzielen wir besonders durch einen respekt- und vertrauensvollen Umgang mit den Jugendlichen.
Unser oberstes Ziel ist die Konfliktvorbeugung. So greifen wir beispielsweise niemals in einen Konflikt ein, sondern rufen in Notfällen die Polizei oder den Krankenwagen. Die Jugendlichen bringen unser Handeln und unsere Präsens auf eine kurze Formel: „die sind ja für uns und nicht gegen uns“. Diese Aussage ist für uns ein eindeutiges Indiz dafür, dass wir die Akzeptanz der Jugendlichen erreichen konnten. Das Projekt wird von den jungen Menschen sehr gut angenommen. Wie wir in vielen Gesprächen erfahren durften, sehen sie unsere Arbeit als sehr wichtig an und begrüßen unser Handeln.

4. Gibt es Nachtwanderer auch in anderen Städten und Gemeinden im deutschsprachigen Raum, wo können Interessenten weitere Informationen erhalten?
Unsere Präsentationen gehen von Nord- nach Süd und es gibt dieses Projekt mittlerweile in 22 Städten in ganz Deutschland. Alle 2 Jahre findet ein Bundeskongress der Nachtwanderer Deutschland statt. Wer Interesse und weitere Informationen benötigt, kann sich gerne per E-Mail an nachtwanderer-huchting@t-online.de an mich wenden.

5. Zu guter Letzt: Was mögen Sie persönlich am meisten in Ihrer Arbeit mit den Jugendlichen?
Die Jugendlichen haben mir in ganzen letzten zehn Jahren so viel Vertrauen entgegen gebracht, dass es mir immer wieder großen Spaß macht, an den Nachtwanderungen teilzunehmen. Wichtig ist, dass wir die Wünsche und Bedürfnisse, die uns von den Jugendlichen entgegengebracht werden, ernst nehmen und uns an deren Umsetzung aktiv beteiligen. Um nur ein Beispiel anzuführen, haben wir im Stadtteil Huchting mobile Treffpunkte/Schutzhütten an bestimmten Örtlichkeiten aufgestellt. Hier können sich die jungen Menschen treffen. Es versteht sich von selbst, dass die Jugendlichen mit in die Planung und Umsetzung eines solchen Projekts eingebunden werden. Die Jugendlichen fühlen sich auf diese Art und Weise ernst genommen und wissen die neue Errungenschaft ganz anders zu schätzen, als wenn sie außen vor wären. Über gegenseitiges Verstehen und Akzeptieren können Konflikte verringert und der soziale Frieden hergestellt werden.

Wir danken Frau Ulland für das Interview!


 

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