Mittwoch , 20 Februar 2019

Interview: Aktivitäten für Ältere in Kirche und Religionsgemeinschaften

Gabriele HoldorfGabriele Holdorf ist die Altenbeauftragte der Bremischen Evangelischen Kirche, der evangelischen Landeskirche in Bremen und Bremerhaven. Wir lernten Gabriele Holdorf auf den Seniorentagen der Messe Bremen im September vergangenen Jahres kennen und freuen uns sehr, unseren Lesern dieses ausführliche Interview zum Engagement Älterer in Kirchen und Religionsgemeinschaften anbieten zu können. Weitere Informationen zu Holdorfs Arbeit unter www.kirche-bremen.de

Bestagerinfos: Heute gestalten Ältere ihre dritte und vierte Lebensphase sehr aktiv. Welche Angebote bietet insbesondere ihre Gemeinschaft, die Bremische Evangelische Kirche, Senioren und Bestagern an?
Gabriele Holdorf: In unseren 61 Kirchengemeinden und sieben Begegungsstätten in kirchlicher Trägerschaft gibt es neben den traditionellen Angeboten wie Seniorenkreise, Fahrten und Ausflüge mittlerweile ein wachsendes Angebot für jüngere Seniorinnen und Senioren, dass dadurch gekennzeichnet ist, dass sie ihre eigenen Interessen und Wünsche einbringen und diese Angebote häufig auch selbst organisieren. Das sind ganz unterschiedliche Formate wie Bewegungs-, Gesprächs- oder Interessengruppen, für die die Kirchengemeinden Räume zur Verfügung stellen und die Hauptamtlichen eher moderierend und unterstützend tätig sind.

Viele rüstige Ruheständler sind ehrenamtlich sehr aktiv. Was ist ihrer Erfahrung nach das Besondere, dass gerade die Älteren in ihrem Engagement mitbringen?
Das freiwillige Engagement älterer Menschen verändert sich auch im kirchlichen Bereich. Während wir bislang viele ältere Ehrenamtliche hatten, die sehr „pflichtbewusst“ und kontinuierlich an der Seite von hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Zuarbeit geleistet haben, erleben wir nun die neuen Freiwilligen, die selbstbewusst ihr Erfahrungswissen einbringen und sich eher projektorientiert mit zeitlicher Abgrenzung engagieren. Egal ob in Leitungsfunktion im Kirchenvorstand, fleißige Helferinnen und Helfer bei Gemeindeveranstaltungen oder Freiwillige/r mit eigenem Projekt, gemeinsam ist allen unseren Ehrenamtlichen, dass sie bereit sind Erfahrung, Geduld und Zeit einzubringen und sich durch ein hohes Maß an Identifikation mit der Kirche beziehungsweise. Kirchengemeinde auszeichnen.

In der aktiven Berufs- und Familienzeit bleibt manchmal nicht mehr viel Zeit für den Glauben. Gibt es bei Ihnen viele Angebote, die auch für wenig „religionsnahe“ Menschen geeignet sind?
Unsere Gemeinden sind sehr unterschiedlich und vielfältig und die meisten Gemeinden sind offen für alle Menschen und verstehen sich als Gemeinde nahe bei den Menschen. Neben dem Angebot Gottesdienst und Glaubens- oder Bibelkreisen spielen weltliche Themen und Interessen in der gemeindlichen Arbeit eine sehr große Rolle. Und Gemeinden öffnen und vernetzen sich zunehmend ins Quartier und fragen nicht nach Religionszugehörigkeit oder Glauben.

Gibt es auch besondere Herausforderungen und Aufgabenstellungen für Ruheständler, die sich in der Kirche einbringen möchten?
Kirche ist schon immer auch eine Laienbewegung, trotz zunehmender Professionalisierung nach dem zweiten Weltkrieg. So können verantwortungsvolle Rollen in Gemeinde- und Kirchenleitung übernommen werden. Es gilt das Prinzip des Priestertums aller Getauften, das zulässt, dass Laien als Prädikantinnen und Prädikanten auch einen Verkündigungsauftrag wahrnehmen oder im Besuchsdienst auch seelsorgerlich tätig werden können. Das wichtigste ist aber für mich, dass viele Gemeinden offen sind für den Dialog und wenig hierarchische Strukturen aufweisen, so dass Menschen sich gut mit ihren Interessen, Wünschen und Bedürfnissen einbringen können.

Zu guter Letzt: was mögen Sie persönlich an Ihrer Arbeit mit Älteren ganz besonders, was sind Ihre „Highlights“?
Grundsätzlich finde ich es sehr spannend, dass das Arbeitsfeld ältere Menschen in unserer Gesellschaft des langen Lebens so viele Möglichkeiten bietet, Neues auszuprobieren. Noch nie gab es so viele Menschen in der nachberuflichen Phase, die überwiegend fit und gesund sind und Zeit und Lust haben, sich im Gemeinwesen einzubringen. Wir sind aber auch konfrontiert mit den verletzlichen Seiten des Alterns. Es gibt immer mehr hochbetagte Menschen mit Pflege- und Unterstützungsbedarf oder an Demenz erkrankte Menschen. Und diese Menschen zwingen uns zum Umdenken in unserer Gesellschaft hin zu mehr nachbarschaftlichen Denken, zu neuen zivilgesellschaftlichen Engagement, zu mehr Solidarität zwischen den Generationen und davon profitieren alle Menschen in unserer heutigen, durch Vereinzelung geprägten Gesellschaft.

Konkret heißt das: Ich freue mich über die neuen Projekte aufsuchender Altenarbeit, in denen Ehrenamtliche sich um einsame alte Menschen kümmern, ich freue mich aber auch über die Gemeinde, die intergeneratives Kochen anbietet oder die Gruppe, die gemeinsam auf „Kultour“ geht. Und ich freue mich besonders über die vielen Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen, die neugierig und interessiert an unseren Fortbildungen teilnehmen und ideenreich und kreativ die Arbeit vor Ort weiterentwickeln.

Wir danken Frau Holdorf für das Interview!

 

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